27. Januar 2025 von WKoch
Der globale Aufstieg rechtsextremer Parteien und Politiker lässt sich nicht allein mit Wirtschaftskrisen, Migration oder politischer Unzufriedenheit erklären. Zentral ist eine tiefer liegende psychologische Dynamik: Die wachsende Unterstützung für diese Bewegungen beruht zu einem großen Teil darauf, dass sie egoistische und unempathische Menschen ansprechen und ihnen die Bestätigung geben, dass ihr Verhalten nicht nur akzeptabel, sondern sogar legitim und moralisch richtig ist. In einer zunehmend polarisierten Welt finden diese Menschen bei rechtsextremen Führern nicht nur eine Heimat für ihre Vorurteile, sondern auch eine Rechtfertigung für ihr Handeln. Dies ist der Kern ihres Erfolgs und erklärt die Wirksamkeit ihrer Strategien.
Egoismus und Empathielosigkeit als treibende Kräfte
Die Anhängerschaft rechtsextremer Bewegungen besteht häufig aus Personen, die sich selbst im Mittelpunkt sehen und die Welt durch die Brille des Eigeninteresses betrachten. Gesellschaftliche Ressourcen, Rechte oder Privilegien werden als begrenzte Güter betrachtet, die es gegen vermeintliche „Eindringlinge“ – Migranten, Andersgläubige oder queere Menschen – zu verteidigen gilt. Solidarität oder Mitgefühl gelten als Schwäche, weil sie den Egoismus infrage stellen und den Fokus von den eigenen Bedürfnissen auf das Gemeinwohl verlagern.
Die Sozialpsychologie beschreibt, wie autoritäre Persönlichkeitsmerkmale, die mit geringer Empathie und starkem Eigeninteresse einhergehen, Menschen für rechtsextreme Ideologien anfällig machen. Studien zeigen, dass „eine niedrige Fähigkeit zur Perspektivübernahme und ein hohes Maß an Selbstbezogenheit direkt mit Ressentiments gegenüber Minderheiten korrelieren“ (Leipziger Autoritarismus-Studie, 2024).
Rechtsextreme Politiker bedienen diese Weltsicht, indem sie den Anhängern ein Narrativ anbieten, das ihren Egoismus moralisch absichert: „Du bist in Ordnung, so wie du bist. Es sind die anderen, die das Problem sind.“ Dieses Narrativ wird durch die Konstruktion von Feindbildern verstärkt, die die Anhänger entlasten und gleichzeitig eine starke Identität schaffen. Die Anderen – Fremde, Andersgläubige oder queere Menschen – werden als Bedrohung dargestellt, die es zu bekämpfen gilt. Empathie oder der Versuch, die Perspektive anderer zu verstehen, wird dadurch vollständig delegitimiert.
Die Strategie der Bestätigung und Ausgrenzung
Rechtsextreme Politiker bieten nicht nur einfache Erklärungen für komplexe Probleme, sondern auch eine emotionale Sicherheit, die auf Bestätigung basiert. Indem sie egoistisches Verhalten als „normal“ und „gesund“ darstellen, schaffen sie ein Klima, in dem ihre Anhänger sich weder hinterfragen noch verändern müssen. Gleichzeitig grenzen sie all jene aus, die eine andere, freiheitliche oder soziale Perspektive vertreten. Begriffe wie „Woke“ werden gezielt verwendet, um progressive oder empathische Menschen zu diskreditieren. Diese Strategie der Polarisierung funktioniert, weil sie eine klare Trennung zwischen „uns“ und „den anderen“ zieht und den Anhängern ein Gefühl von Überlegenheit vermittelt.
Ein erschreckendes Beispiel für diese Strategie ist die Aussage des damaligen US-Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump, Migranten aus bestimmten Regionen würden in den USA Haustiere essen. Mit einer solchen Behauptung wurde nicht nur eine absurde und entmenschlichende Lüge verbreitet, sondern auch das Gefühl verstärkt, dass Migranten „anders“ seien – fremd, bedrohlich und nicht kompatibel mit der „zivilisierten“ Mehrheitsgesellschaft (Spiegel, 2024).
Auch in Deutschland wird diese Rhetorik gezielt eingesetzt. Der Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Friedrich Merz, sprach in einer Talkshow abwertend von „kleinen Paschas“ und meinte damit die Söhne von Migranten. Mit dieser pauschalisierenden und abwertenden Formulierung suggerierte er, dass diese Kinder und ihre Eltern integrationsunwillig seien und sich bewusst respektlos gegenüber der Gesellschaft verhielten (Spiegel, 2024). Solche Aussagen verstärken Vorurteile und verschieben den öffentlichen Diskurs, indem sie subtil vermitteln, dass es in Ordnung ist, ganze Gruppen negativ zu stigmatisieren.
Die „Banalität des Bösen“ und der unempathische Egoismus
Hannah Arendt prägte den Begriff der „Banalität des Bösen“, um zu erklären, wie Menschen, die nicht zwangsläufig fanatisch oder von Hass getrieben sind, durch Gedankenlosigkeit und Anpassung an ein normativ entstelltes System zu Tätern werden können (Arendt, 1963). Diese Einsicht lässt sich auch auf den unempathischen Egoismus anwenden, der im Kern rechtsextremer Bewegungen steht. Psychologische Studien unterstreichen, dass ein niedriger Grad an Empathie und eine starke Selbstbezogenheit oft die Grundlage für diskriminierendes Verhalten legen. Wie Betz und Dörre (2021) zeigen: „Menschen, die sich ausschließlich auf ihr eigenes Wohlergehen konzentrieren, neigen dazu, andere als Hindernisse oder Bedrohungen wahrzunehmen, insbesondere in gesellschaftlich polarisierten Kontexten.“
Die Leipziger Autoritarismus-Studie (2024) fasst es treffend zusammen: „Empathie ist die zentrale Ressource, die autoritäre und rechtsextreme Einstellungen untergräbt. Wo Empathie fehlt, gedeihen Ressentiments.“ Diese Normalisierung macht das Egoistische und Empathielose unsichtbar. Menschen, die Migranten entmenschlichen oder sie als „kleine Paschas“ diffamieren, handeln oft nicht aus bewusstem Hass, sondern aus der Überzeugung heraus, dass ihre Sichtweise „vernünftig“ sei.
Fazit: Den öffentlichen Diskurs zurückgewinnen – für eine empathische Gesellschaft
Das Erstarken rechtsextremer Parteien und Politiker ist nicht allein das Ergebnis einer Zunahme rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung. Schon vor Jahrzehnten haben Untersuchungen gezeigt, dass 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung ein rechtsextremes Weltbild haben (Leipziger Autoritarismus-Studie, 2024). Allerdings wagten damals nur wenige, sich öffentlich dazu zu bekennen. Rechtsextreme Positionen galten als gesellschaftlich inakzeptabel, und diese Stigmatisierung verhinderte einen größeren Erfolg entsprechender Parteien.
Heute hat sich das geändert. Rechtsextreme Akteure haben es geschafft, ihre Ideologien gesellschaftsfähig zu machen. Sie haben den öffentlichen Diskurs verschoben und das Klima geschaffen, in dem Egoismus, Empathielosigkeit und rückwärtsgewandte Ideale nicht nur toleriert, sondern von einem Teil der Gesellschaft offen verteidigt werden.
Der Schlüssel zur Bekämpfung dieser Entwicklung liegt nicht allein in der Widerlegung rechtsextremer Argumente, sondern in der Rückgewinnung des gesellschaftlichen Narrativs. Es muss wieder gelingen, die offene, empathische Gesellschaft als attraktiv, fortschrittlich und moralisch überlegen darzustellen. Gleichzeitig muss die egoistische, rückwärtsgewandte und unempathische Bewegung als das entlarvt werden, was sie ist: eine destruktive Ideologie, die gesellschaftlichen Fortschritt verhindert und die Gemeinschaft schwächt.
Quellen:
Spiegel (2024). Friedrich Merz und die „kleinen Paschas“.
Arendt, H. (1963). Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil.
Betz, H.-G., & Dörre, K. (2021). Rechtsextreme Einstellungen und autoritäre Dynamiken.
Leipziger Autoritarismus-Studie (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen.
Spiegel (2024). Trump fabuliert über angeblich verspeiste Haustiere.KategorienAllgemein