Berlin, 29. Januar 2025 – Erstmals seit 92 Jahren hat im Deutschen Bundestag eine konservative Partei (CDU/CSU) gemeinsam mit rechtsextremen Kräften für eine Verschärfung der Zuwanderungs- und Asylpolitik gestimmt. Dieser Tabubruch markiert nicht nur eine politische Zäsur, sondern ist auch ein alarmierendes Beispiel für ein Phänomen, das ich als Ego-Radikalisierungseffekt (ERE) bezeichne – gemeint ist die Dynamik, durch die egoistisches und unempathisches Denken zunehmend in radikale politische Positionen übergeht.
Vom politischen Pragmatismus zur moralischen Aushöhlung?
Lange Zeit galt eine klare Abgrenzung zwischen konservativen Parteien und rechtsextremen Kräften als unumstößlich. Die CDU/CSU hat in der Vergangenheit stets betont, nicht mit rechtsextremen Parteien zu kooperieren. Doch mit der heutigen Abstimmung scheint diese Grenze zu verschwimmen. Offiziell rechtfertigt die Union den Schritt mit „Sachzwängen“ und der Notwendigkeit, „die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen“. Doch in Wahrheit ist dies ein klassisches Beispiel für den Ego-Radikalisierungseffekt in der politischen Praxis.
Nach dem Ego-Radikalisierungseffekt (ERE) führt die schrittweise Normalisierung egoistischer, ausgrenzender Denkmuster dazu, dass sich ehemals gemäßigte politische Akteure immer weiter radikalisieren – oft ohne es bewusst als solchen Prozess wahrzunehmen. Was heute als pragmatische Entscheidung dargestellt wird, kann langfristig dazu führen, dass rechtsextreme Positionen gesellschaftlich akzeptiert werden.
Wie der ERE den Tabubruch begünstigt hat
- Verstärkung egoistischer Ängste
Der politische Diskurs um Migration wurde zunehmend von egoistischen Sorgen dominiert: „Was bedeutet Migration für mich?“, „Kostet mich das Geld?“, „Verliere ich dadurch etwas?“ – anstatt von einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive geprägt zu sein. Diese Denkweise, die wenig Raum für Empathie lässt, macht Menschen anfälliger für ausgrenzende Politik. - Von Sorge zu Feindbild
Studien zeigen, dass Menschen mit hoher Selbstzentrierung dazu neigen, ihre Unsicherheiten auf äußere Gruppen zu projizieren (Leipziger Autoritarismus-Studie, 2024). Der Ego-Radikalisierungseffekt beschreibt, wie Politiker diese Ängste verstärken und daraus eine Identitätspolitik formen, in der Migranten nicht mehr als Mitmenschen, sondern als Bedrohung erscheinen. - Der „Normalisierungs-Effekt“
In dem Moment, in dem eine ehemals gemäßigte Partei mit rechtsextremen Kräften stimmt, verschiebt sich der gesellschaftliche Maßstab dessen, was als akzeptabel gilt. Die CDU/CSU hätte vor wenigen Jahren eine Zusammenarbeit mit Rechtsextremen noch vehement abgelehnt – nun wird eine politische Allianz im Parlament real.
Die historische Dimension – aus der Geschichte nichts gelernt?
Die letzte große Zusammenarbeit zwischen Konservativen und Rechtsextremen in Deutschland fand vor 92 Jahren statt – mit katastrophalen Folgen. Damals diente die vermeintlich „pragmatische“ Kooperation mit radikalen Kräften als Sprungbrett für die totale Aushöhlung demokratischer Werte. Heute stehen wir erneut an einem Punkt, an dem eine Partei, die sich einst als Hüterin der Demokratie verstand, bereit ist, für politische Vorteile mit extremistischen Gruppen gemeinsame Sache zu machen.
Fazit: Der Ego-Radikalisierungseffekt zerstört moralische Grenzen
Was heute als einzelner „pragmatischer“ Beschluss erscheint, ist in Wahrheit ein Symptom eines tiefgreifenden Wandels im politischen Denken. Der Ego-Radikalisierungseffekt beschreibt genau diese Dynamik: Aus anfänglicher Selbstzentrierung erwächst ein politisches Klima, in dem Empathie als Schwäche gilt und radikale Maßnahmen als alternativlos erscheinen. Der heutige Tabubruch könnte somit nicht nur eine Ausnahme bleiben – sondern der Beginn einer gefährlichen neuen Normalität sein.
Die Frage ist: Wird die Gesellschaft dieser Entwicklung entgegentreten, oder wird der Ego-Radikalisierungseffekt weiter fortschreiten und die demokratischen Werte schleichend untergraben?