„Zustrombegrenzungsgesetz“ -Unempathische Sprache als Werkzeug der Entmenschlichung

Warum strategisch verwendete, menschenfeindliche Begriffe wie „Zustrom“ oder „Remigration“ so gefährlich sind.

Heute sollte im Deutschen Bundestag über das sogenannte „Zustrombegrenzungsgesetz“ abgestimmt werden – eine sprachliche Konstruktion, die bereits in ihrem Namen deutlich macht, wie unmenschlich der politische Diskurs über Migration geworden ist. Der Begriff „Zustrom“ suggeriert eine unkontrollierte, bedrohliche Masse, eine Naturgewalt, die sich über die Grenzen ergießt – und nicht, dass es sich um Menschen in Not, um Verfolgte, um Bedrohte handelt, die Schutz suchen.

Diese Wortwahl ist kein Zufall, sondern Teil eines gezielten sprachlichen Rahmens, der auf die Entmenschlichung von Geflüchteten abzielt und den Ego-Radikalisierungseffekt (ERE) weiter verstärkt.

Wie Sprache Empathie untergräbt: Der Ego-Radikalisierungseffekt in der Rhetorik

Sprache formt unsere Wahrnehmung. Die Wahl der Begriffe bestimmt, ob wir ein gesellschaftliches Phänomen mit Empathie betrachten – oder ob wir es als Problem oder Bedrohung einstufen.

Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie (2024) sind Menschen mit geringer Empathie anfälliger für politisch aufgeladene Begriffe, die Gruppen abwerten oder entmenschlichen. Der Ego-Radikalisierungseffekt beschreibt genau diese Dynamik: Wer egoistisch denkt und wenig Mitgefühl für andere empfindet, wird von Begriffen angesprochen, die Empathie ausschließen und eine nüchtern-technische Bedrohungssituation simulieren.

Beispiele für unempathische Begriffe im Migrationsdiskurs:

1. „Zustrom“ (statt: Geflüchtete, Schutzsuchende, Asylsuchende)
• Der Begriff lässt Menschen als gesichtslose, nicht unterscheidbare Masse erscheinen.
• Er entzieht der Diskussion die menschliche Perspektive.
• Er suggeriert Kontrollverlust – als ob Migration wie eine Naturkatastrophe sei, die man „begrenzen“ müsse.

2. „Remigration“ (statt: Abschiebung, Deportation, Vertreibung)
• Der Begriff stammt aus der rechtsextremen Sprache und suggeriert eine Rückkehr in ein „eigentliches Heimatland“ – unabhängig davon, ob die Menschen dort jemals gelebt haben oder in Deutschland geboren wurden.
• Er tarnt radikale Konzepte als scheinbar legitime migrationspolitische Maßnahme.
• Er impliziert, dass Migranten grundsätzlich nicht hierhergehören.

3. „Flüchtlingswelle“, „Migrationsdruck“, „Massenzustrom“ (statt: individuelle Schutzgründe, Flucht vor Krieg, Verfolgung, Not)
• Diese Begriffe schaffen ein Bild von Bedrohung, gegen das man sich „wehren“ müsse.
• Sie lenken von der Realität ab, dass es um Menschen geht, die ihr Zuhause verloren haben.

Warum solche Begriffe den ERE verstärken

1. Sprache beeinflusst Wahrnehmung
• Studien zeigen, dass Menschen je nach Wortwahl unterschiedliche Emotionen und Handlungsbereitschaften entwickeln (Lakoff, 2016).
• Wer „Zustrom“ hört, fühlt sich eher bedroht als jemand, der „Geflüchtete“ hört.

2. Egoistisches Denken wird legitimiert
• Der Ego-Radikalisierungseffekt beschreibt, wie Sprache dazu genutzt wird, egoistische Interessen als „vernünftige Sachpolitik“ erscheinen zu lassen.
• Indem der Diskurs technokratisch wird, verschwindet Mitgefühl aus der Debatte.

3. Rechtsextreme Narrative werden normalisiert
• Begriffe wie „Remigration“ stammen aus der extremen Rechten und werden durch politische Mainstream-Diskussionen legitimiert.
• Die Grenze zwischen konservativem und rechtsextremem Sprachgebrauch verschwimmt – und mit ihr die politische Distanz.

Fazit: Wer die Sprache der Entmenschlichung nutzt, radikalisiert die Gesellschaft

Das sogenannte „Zustrombegrenzungsgesetz“ ist mehr als ein Gesetzesvorschlag – es ist ein Beispiel dafür, wie Sprache in der Politik gezielt verwendet wird, um Empathie zu untergraben und den Ego-Radikalisierungseffekt zu verstärken.

Wer Migration als „Zustrom“ bezeichnet, spricht nicht mehr über Menschen, sondern über ein Problem, das es zu „begrenzen“ gilt. Wer „Remigration“ in den Diskurs aufnimmt, übernimmt die Sprache derer, die Millionen von Menschen aus der Gesellschaft ausschließen wollen.

Die Frage ist nicht nur, wie die Abstimmung über das Gesetz ausgeht – sondern ob es der Gesellschaft gelingt, den schleichenden Sprachwandel und die damit verbundene moralische Verrohung rechtzeitig zu erkennen und zu stoppen.

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